schriftlich, erfunden, dichterisch, realer Autor, realer Leser, Kommunikationssituation, Text

Fiktionaler Erzähltext

lat. fingere - bilden, formen, gestalten, darstellen, schaffen, sich vorstellen,
erdichten, erlügen, ersinnen, vortäuschen

Fiktionale Erzähltexte verstehe hier als schriftlich vermittelte, dichterische Rede, in der von fiktiven Figuren erzählt wird, die in fiktiven Räumen zu fiktiven Zeiten fiktive Handlungen vollziehen, fiktive Ereignisse erleben, fiktive Gedanken hegen usw. Besonders wichtig ist die Differenzierung von dichterischer Rede zu anderen Redeweisen. In der alltäglich-zweckmäßigen Kommunikation beispielsweise ist das Erzählen von fiktiven Ereignissen zumeist als Lüge verpönt. Einen Romanautor hingegen würde man hinsichtlich der Inhalte in seinen Romanen gemeinhin nicht als Lügner bezeichnen.

Die Begriffe fiktional und fiktiv sind nicht zu verwechseln: "Der Begriff des Fiktionalen charakterisiert den Text, der Begriff des Fiktiven bezeichnet dagegen den Status des im Text Dargestellten." (Schmid 2008: S. 26) Das Fiktionale und sein Gegenbegriff, das Faktuale, bezeichnen pragmatische Kategorien und damit kulturell geprägte Wahrnehmungsweisen des darstellenden Diskurses – sie erlangen erst Bedeutung in einem zeitlichen und sozialen Kontext (vgl. Martinez/Scheffel 2005: S. 13ff.). Homers Epen beispielsweise mögen in ihrer Entstehungszeit noch als faktuale Rede gegolten haben, heute tun sie dies hingegen nicht mehr. Das Fiktive und sein Gegenbegriff, das Reale, beziehen sich allerdings auf den ontologischen Status, also den Seinszustand des Erzählten. In einer bis heute geführten theoretischen Diskussion um den Oberbegriff der Fiktionalität steht die Frage im Mittelpunkt, ob fiktionale Erzähltexte eher pragmatisch oder ontologisch bestimmt werden sollen (vgl. Schmid 2008: S. 29ff.).

Fiktionalität

"Fiktion/Fiktionalität [...], Bezeichnung für den erfundenen bzw. imaginären Charakter der in literar. Texten dargestellten Welten." (Barsch 2001: S. 177) Die Frage, was eigentlich ein Werk zu einem fiktionalen Erzähltext macht, lässt sich damit nicht beantworten. Hier kommt der Begriff der Fiktionssignale ins Spiel, eine Sammelbezeichnung für allerlei (An-)Zeichen, "durch die sich fiktionale Texte als solche zu erkennen geben [...] und [die] keineswegs eindeutig interpretierbar sein müssen." (Nünning 2001: S. 178)
(1) Kontextuelle/pragmatische Signale: Dazu gehören beispielsweise der Verlag, die Reihe, in der der Text erschienen ist, oder die Gestaltung des Buchcovers.
(2) Paratextuelle Signale: Ein relativ sicheres Zeichen für Fiktionalität sind Paratexte, die den Originaltext umgebenden, offiziellen Texte, denen man sich nicht entziehen kann wie Titel, Untertitel, Vorwort, Motto etc. (Wo Roman draufsteht, wird Fiktion drin sein.)
(3) Semantische Signale:
a) Die raumzeitliche und thematische Kontextualisierung des Erzählten könnte ein Anhaltspunkt sein: Jedenfalls kann fiktionale Rede lückenhafter, desorientierender und mehrdeutiger sein als faktuale Rede, die gewisse Informationen nicht vorenthält oder eben vorenthalten sollte. Jedoch ist dies keine notwendige Bedingung für Fiktion, welche ja auch mit einem klaren und informationsdichten Kontext aufwarten kann.
b) Faktuale Texte und ihre Wörter sind referenzialisierbar, d.h. sie lassen sich auf außertextliche, reale Objekte, Personen, Orte, Zeiten beziehen. Fiktionale Erzähltexte müssen dies nicht sein, weshalb wir Science-Fiction-Literatur problemlos als solche erkennen, da die technischen Möglichkeiten, welche in ihr geschildert werden, noch nicht möglich sind. Jedoch können die Inhalte fiktionaler Rede ebenfalls gedankliche Modelle und abstraktere, universelle Konzepte (wie beispielsweise die Zahlen) sein, welche durchaus referenzialisierbar sind. Nicht nur das, in Fikionen kann auch von "realen" Orten und Personen erzählt werden (dazu später mehr). Die Referenzialisierbarkeit des Erzählten ist somit auch kein unproblematisches Kriterium.
c) Was Fiktion vor allen anderen Textsorten auszeichne, dahingehend gibt Wolf Schmid Käte Hamburger Recht, sei, "dass sie uns unmittelbaren Zugang zu einer fremden Innenwelt gewährt[.]" (Schmid 2008: S. 34) Relativiert wird das wieder dadurch, dass das Beschreiben einer fremden Subjektivität keine notwenige Bedingung von Fiktionalität ist (siehe externe Fokalisierung). Dass jenes aber "uncharakteristisch" für die faktuale Rede wäre, blendet einen Großteil der alltäglichen Kommunikation zwischen Freunden, engen Bekannten und Verwandten aus, in der sich in Gesprächen, Briefen, E-Mails usf. stets über Gefühle und Befindichkeiten unmittelbar ausgetauscht wird. Ein Alleinstellungsmerkmal von Fiktionalität kann dies dementsprechend nicht sein.
(4) Textuelle Signale wie gewisse Eingangs- und Schlußformeln, die Textgliederung oder die Verwendung der erlebten Rede.

Wie wir hier nun sehen, bereitet unser intuitives und meist problemloses Erkennen fiktionaler Erzähltexte (= Fiktionsbewusstsein) einer geordneten, wissenschaftlichen Beschreibung einige Probleme. Schmid arbeitet folgenden Grundkonsens aus: "Fiktiv sein heißt: nur dargestellt sein. Die literarische Fiktion ist die Darstellung einer Welt, die keine direkte Beziehung des Dargestellten zu einer realen außerliterarischen Welt impliziert. Die Fiktion besteht im Machen, in der Konstruktion einer ausgedachten, möglichen Welt. [...] Unabhängig von ihrer Herkunft werden alle thematischen Einheiten beim Eingang in das fiktionale Werk zu fiktiven Elementen." (Schmid 2008: S. 37) Ebenfalls jene dargestellten Orte, Personen etc., die einmal existierten oder noch existieren, sind fiktiv – denn sie geraten mit komplett erdachten Einheiten in Berührung oder es werden Aussagen über sie getroffen, die nicht gesichert sind oder sein können. Diese terminologische Festlegung spricht nicht gegen den Umstand, dass Fiktionen immer in diesen oder jenen Aspekten eine graduelle Nähe zur Wirklichkeit aufweisen.

Neben diesem Darstellungskonzept ist ein weiteres Moment wesentlich für literarische Erzähltexte: Die Doppelstruktur der Kommunikation, die Dieter Janik knapp und treffend als "kommunizierte Kommunikation" (Janik 1973: S. 12) umschreibt.


Literatur
(Benjamin Kausch)

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