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bekay de » The Happening: Überblick über die Filmkritik  
 

Dienstag, der 27.04.2010, 15:00
The Happening: Überblick über die Filmkritik

Man könnte die Filmkritik zu Shyamalans letzten Film THE HAPPENING unter der Überschrift "Die Unoffensichtlichkeit des Offensichtlichen" zusammenfassen. Ich war überrascht, dass die Stimmen gar nicht so giftig und hämisch ausfielen, wie ich erwartet habe. Der Schnitt ist trotzdem desatrös: Von 27 Kritiken* waren 19% positiv, 44% unentschieden und 37% negativ. Man beachte die hohe Zahl der Unentschiedenen. Der Hass, von dem gemeinhin behauptet wird, er schlüge dem Film entgegen, ist in den Print-Medien nicht zu entdecken. Dietrich Brüggemann verwies in seiner Schnitt-Kritik etwas herablassend auf das Internet: "Allerdings hat die Kritik sich in den vergangenen Jahren gewandelt, und das liegt vor allem am Internet. Dort ist eine ganze Szene entstanden, die nichts anderes tut, als möglichst frühzeitig Hollywoodfilme ans Tageslicht zu zerren, sie zu begutachten und bei Nichtgefallen darüber herzufallen. [...] Das wäre alles halb so wild, wenn nicht insgesamt der Verdacht entstehen würde, daß die Netzgemeinde mit ihrer geballten Schwarmintelligenz insgesamt ziemlich konservativ und ganz schön dumm ist. [...] alles, was im Rahmen des Mainstreams etwas abseitiger und experimenteller ist, wird gern plattgemacht, und kaum einer hat Lust, seine Stimme gegen das Gebrüll des digitalen Pöbels zu erheben." (Ich jedenfalls erhob oft eine Stimme: hier, dort über viele Seiten und auch da.) Wenn Anthony Lane also im New Yorker konstatierte: "Nevertheless, movies every bit as stumbling as The Happening, and far more savage, come out every month, and few are greeted with such contempt. Why should this be?" - dann wäre diese Frage wohl besser an die Netzgemeinschaft gerichtet. Die Berufszunft der Kritiker muss sich eher folgende Frage gefallen lassen: Warum habt ihr eure eigene Verwirrung nicht zum zentralen Thema gemacht?

Denn insgesamt waren sich die Kritiker gänzlich unsicher, womit sie es nun eigentlich zu tun haben. Klar erinnerten sie sich, dass Shyamalan bisher "employed, or even exploited, genre scenarios to similar ends—to question the unknown" (Michael Koresky, Reverse Shot). Aber was nun? "So is this a refugee movie? Is it a plague movie? Is it a civic-breakdown movie? Is it "The Birds"? Is it "The War of the Worlds"? Is it "Dawn of the Dead"? Or is it a crazy-old-lady movie?" (Stephen Hunter, Washington Post) Die am meisten genannten Genres, denen sich Shyamalan mit THE HAPPENING angeblich zuwendet, waren: Katastrophen-Film, Paranoia- und Öko-Thriller. Das Offensichtliche jedoch wurde selten erwähnt, vielleicht nicht einmal bemerkt. Weder gibt es im Film eine herkömmliche Katastrophe, noch Paranoia zu sehen und auch mit Öko hat er wenig zu tun. Die Bedrohung bleibt abstrakt. Anstatt diese Offensichtlichkeit zu reflektieren, wurde es dem Film und Regisseur als Mangel vorgeworfen: "Nur leider fehlt Shyamalans Film der Willen (und die Ausstattung), wirklich großes Katastrophenkino zu zeigen." (Andreas Borcholte, Spon) Ich kann mich des Einducks nicht erwehren, dass der Willen ganz woanders fehlte.

Bei der Auflösung des Films herrschte ebenfalls Erklärungsnotstand und manch einer kam zu elaborierten Fehlbeobachtungen betreffs diverser Plot-Twists: "Die Auflösung sei hier nicht verraten, führt aber teilweise zu milden Kichern." (Ulrike Mau, Die Welt) "Rasch wartet der Film mit der Erklärung auf, es seien die Pflanzen, die sich nun für die Aggressivität der Menschheit rächen wollten." (Gerhard Midding, Frankfurter Rundschau) Das stimmt schlicht und ergreifend nicht. Glücklicherweise wurden die meisten der deutschen Kritiker nicht Opfer ihres Shyamalan-Bildes und haben in der Hinsicht sehr differenziert festgestellt, dass der Film sich jeglicher Erklärung verweigert und rätselhaft bleibt. Dies wurde allerdings mit gemischten Gefühlen bewertet.

Bei der Bewertung der Darstellerleistungen trieb der Intentionalismus seine schönsten Blüten. Bis auf wenige Ausnahmen abgesehen ("warmherzige Haupdarsteller" meinte Jens Hinrichsen im film-dienst), ist das Spiel Mark Wahlbergs und Zooey Deschanels galligsten Anfeindungen ausgesetzt: "Mimen mit eingefroren fassungsloser Miene" (Andreas Platthaus, FAZ); "Shyamalan, sonst für seine subtile Schauspielerführung angesehen, vermag hier seinem Ensemble keine überzeugende Leistung abzuringen" (Michel Bodmer, NZZ); "clearly limited Mark Wahlberg und Zooey Deschanel" (Koresky); "She staggers around in a daze of bad acting, and the only thing Deschanel looks genuinely frightened by is the silliness of the script. But even she is not as weird as John Leguizamo, playing another mathematics teacher at Wahlberg's school. Quite frankly, he looks madder than a junkyard dog." (Peter Bradshaw, The Guardian). Schöner hätte man die offensichtlich grotesken Darbietungen der Schauspieler gewiss nicht beschreiben können. Jedoch gleichfalls offensichtlich für die Kritiker war, diese Darbietungen als Fehlleistungen zu interpretieren: "Zweites Problem: Shyamalan weiß offensichtlich nicht, ob er sein durchaus identifikationsstiftend ersonnenes Protagonisten-Ehepaar, das auch die Rettung der Tochter eines Freundes auf sich nimmt, ernst nehmen soll." (Jan Schulz-Ojala, Tagensspiegel) Eine allzu bekannte Rezeptionshaltung: Wenn man nicht weiß, ob man etwas ernst nehmen soll, dann projeziert man diese Verunsicherung einfach in den Film und seinen Regisseur.

Insgesamt fehlte es an ernsthaften Versuchen, sich mit den ganzen augenfälligen Fehlern, Unzulänglichkeiten und Macken zu beschäften, die der Film offensichtlich anhäuft. "Stutziger machen einen eher flache Psychologien und die Banalität mancher Dialoge, die man bestenfalls als komische Distanznahme (miss-)verstehen kann." (Dominik Kamalzadeh, Der Standard) "You wonder if this wasn't, for some reason, the effect Shyamalan was going for. Wahlberg's displays of emotion are alarmingly strained at times, and yet they never mesh with what's going on." (Carina Chocano, LA Times) Martin Schwickert hingegen konnte mit einer unvergleichlichen Selbstverständlichkeit die Brüche in ein größeres Konzept einbinden: "Mit schrägem Humor werden die Heldenklischees des Genres karikiert, wenn Shyamalan das kriselnde Liebespaar im Angesicht des herannahenden Todes ihre emotionalen Banalitäten herausstottern lässt." Und die oben bereits verlinkte Brüggemann-Kritik geht wahrscheinlich am weitesten in ihrer Verteidigung des Films: "Einige Situationen sind so seltsam, daß man nicht genau weiß, ob es Komik ist oder einfach mißraten. Das meiste, was man sieht, ist eher unspektakulär – und doch hat der Film einen seltsamen Sog, dem man kaum entkommt. [...] M. Night Shyamalan ist auf seine Weise ein Unikat. Er ist ein Mainstream-Autorenfilmer – jemand, der seine unverwechselbare Handschrift, seine persönliche Weltsicht, in massentaugliche Kinounterhaltung einbringen kann. Das hat er hier getan, und zwar deutlich zwingender als in seinen letzten Werken."

Den Begriff "zwingend" finde ich überhaupt ziemlich gut in Verbindung mit THE HAPPENING. Die interessantesten Ideen kamen sowieso von der deutschen Kritik, ob das nun die todesbringende Poetik des Windes war, die Entschleunigung der Erzählung, Kiyoshi Kurosawa als eigentliches Vorbild Shyamalans oder das Unheimliche der rationalen Selbstmordwellen in einem Katastrophenfilm - denn "der Selbstmord ist ein tendenziell unamerikanischer Impuls" (Midding).

Jens Hinrichsen schrieb, ob es einem passe oder nicht, "in jedem Shyamalan-Film steckt ein konservativer (bisweilen reaktionärer) Kern." Das passt mir zwar gewiss nicht, aber ich lasse lieber Athony Lane eine faszinierende Beobachtung machen und schließe damit: "I have always taken Shyamalan to be a fearmonger, but the new film suggests that he may be, at heart, a morbidologist: he is trying to reinsert the fear of death into a moviegoing culture that would prefer to think of it as laughable, dismissible, or gross."


* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Spiegel Online, 2x Die Welt, Frankfurter Rundschau, 2x Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Der Standard, NZZ, Reverse Shot, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, The Guardian, The Observer, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, The New Yorker

(in: filmBlog, leseEcke, studierStube) Kommentare (5) / Comment?


Kommentare

Ich vermisse mich schmerzlich in diesem Kritikenspiegel.

Mr. Vincent Vega am 07.05.2010 um 19:32

Ich habe jemanden zitiert, der sich auf den "digitalen Pöbel" bezieht - reicht dir das nicht?

bekay am 08.05.2010 um 00:07

Tzzzz.

Mr. Vincent Vega am 08.05.2010 um 15:55

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