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bekay de » Lady in the Water  
 

Montag, der 11.01.2010, 01:12
Lady in the Water

"What kind of person would be so arrogant as to presume the intention of another human being?"

"Story wants to go home and she can't."


Zwei Schlüsselsätze aus LADY IN THE WATER, die ganz gut an das Verständnis dieses Filmes heranführen. Der erste ist natürlich eine leidenschaftliche Absage an den Intentionalismus, derer sich der Regisseur Shyamalan durch die Filmkritik ausgesetzt sah. Ich selbst sehe mich ja als Antiintentionalist und halte diesen Film für eine Verteidigung dieser Denkrichtung. LADY IN THE WATER ist ein Märchenfilm, der seine eigene Beziehung zum Märchen auslotet. Er trägt seinen Subtext offen vor sich her - was ihn sehr angreifbar und gleichzeitig unendlich vieldeutig macht. Deuten oder angreifen, das ist hier die Frage! Denn ob die Story nach Hause kommt - die Geschichte erhört wird - hängt letztendlich nicht von ihr ab, sondern vom Zuhörer respektive Zuschauer.

Es war einmal in einer idealisierten Alltäglichkeit in einer Apartment-Anlage in Phiadelphia. Der Hausmeister Cleveland Heep (Paul Giamatti) kümmert sich liebevoll um die verschrobene Multi-Kulti-Mieterschaft und ihre Probleme. Hier herrscht bedrückende Normalität. Diese sieht sich bald einer anderen Welt ausgesetzt und zwar der des Märchens, der Sage, der Gute-Nacht-Geschichte. Diese fantastische Welt ("The Blue World") bricht über den Swimming-Pool, in dem eine Nymphe lebt, in die Realität ein. Sie ist eine Narf und ihr Name ist Story (Bryce Dallas Howard). Story muss gerettet werden vor bösen Mächten, die mit ihr in die Tristesse des Wohn-Komplexes eingedrungen sind. Wie rettet man Story? Also anders gefragt - der Film trägt bekanntlich seinen Subtext offen vor sich her: Wie rettet man eine Geschichte? Ganz klar, in dem man sie kennt, erzählt und tradiert. Cleveland kennt die Geschichte der Narfs ganz offensichtlich nicht. Sie ähnelt allerdings einem koreanischen Märchen, soviel kann Studentin Young-Soon Choi (Cindy Cheung - was für eine großartige Verkörperung des weiblichen Uni-Slackers!) Cleveland sagen. Sie hat die Geschichte, die ihr als Kind erzählt wurde, leider vergessen - wie das Erwachsene im Zeitalter des Nicht-Mündlich-Tradierens eben zu tun pflegen. Ihre Mutter hingegen kennt das Märchen - da sie aber nur koreanisch sprechen kann und sowieso auf Kriegsfuß mit ihrer Tochter steht, da ihr Slackertum eben nicht gerade den Weg sozialen Aufstiegs verheißt, erfährt Cleveland die Details der Geschichte nur schrittweise während des Filmverlaufs. Diese Zerstückelung des Märchens ist gleichzeitig eine Analyse (griech. analysein: auflösen). Dadurch, dass uns die Geschichte nicht richtig erzählt wird, wirkt sie unglaublich lächerlich und zerfällt in ihre Bestandteile: so werden die Funktionen und Regeln der Geschichte offengelegt. Shyamalan macht eigentlich nichts anderes als die Morphologie des Märchens aufzuzeigen, wie es z.B. der russische Märchenforscher Vladimir Propp getan hat.

So erfahren wir von den Scrunts - bösen Biestern, die die Narfs angreifen und vom Kontakt mit den Menschen abhalten wollen. Eigentlich werden sie von den Tartutics - drei affenähnlichen Wesen, die gewaltsam die Ordnung und das Recht in der Blue World aufrechterhalten - in Schach gehalten. Allein, da Story keine normale Narf, sondern die Madam Narf - die zukünftige Königin ihres Volkes - ist, sind die Scrunts besonders hartnäckig. Story braucht also Hilfe, um in ihre Welt zurückzukehren, wie der Held in einem Märchen immer Helfer benötigt: Diese werden uns in Form von Aktanten vorgestellt. Das sind Handlungsrollen, die unabhängig von einer speziellen Figur eine Funktion im Märchen erfüllen: The Symbolist, the Guardian, the Guild, the Healer. Nun ist es an Cleveland, diese Handlungsrollen mit Mietern aus den Apartments zu füllen. Und es ist an den Mietern, ihre Rolle zu spielen. Was sie dazu benötigen, sollte man im Kontext meiner bisherigen Texte leicht erraten können: ihre Kindlichkeit und Unschuld. Denn das erlaubt es ihnen, an Märchen zu glauben und offen für das Fantastische zu sein. Eine konzisere und kompaktere Darstellung der Funktionsweise von Märchen und ihrer engen Verschlungenheit mit dem kindlichen Gemüt hat man in einem Film wohl selten gesehen. Und dazu noch urkomisch und hochgradig skurril!

Insofern sollte man auch mal mit den ewigen Vorwürfen der Religiösität und Spiritualität Shyamalans Schluss machen: Das Märchen ist nicht etwa eine höhere Macht, die von außen an die Bewohner der Apartment-Anlage herantritt. Das Märchen wirkt von Innen, es entsteht ausschließlich aus dem Menschen selbst. Er erweckt es zum Leben. Märchen ist für Shyamalans deckungsgleich mit: Gott, Liebe, Kindlichkeit, Unschuld.

Zu Shyamalans durchaus problematischen "Cameo-Auftritt": Man muss nun wissen, dass die Narfs aus einem ganz bestimmten Grund die Nähe zur Realität suchen. Ihre Aufgabe ist es, einen bestimmten Menschen (Vessel) zu inspirieren (das Gefäß zu füllen), so dass er Gutes tut. In diesem Fall ist das ein Autor, gespielt vom Regisseur höchstpersönlich, mit Schreibblockade. Nach einem Treffen mit Story ist diese wie weggeblasen und sein ominöses Werk, nur "The Cookbook" genannt, sei dazu vorherbestimmt, einen Jungen derart zu beflügeln, dass er "Leader of this Country" wird. So die Prophezeiung Storys. (Im englischen Wikipedia-Artikel steht, damit wäre der US-Präsident gemeint - anhand der im und durch den Film offengelegten Märchen-Funktionsweise, besonders ihrer Vagheit und Austauschbarkeit, halte ich das für einen intentionalistischen Gewaltakt.) Es kommt noch härter: Dazu muss der Autor sterben, denn erst dadurch wird das Cookbook zum Märtyrer-Klassiker, welches Wirkung entfalten kann. Shyamalan trägt gewiss dick auf, aber wenn man den Film, wie ich, als Appell für die Tradierung von Geschichten - und der damit verbundenen Erzählkunst - versteht, so ist seine Rolle nichts anderes, als eine Fußnote dafür, was Story vermag... Überhaupt: die ironische Brechung mit dem Titel "Cookbook" ist eigentlich Material genug, aus diesem Handlungsstrang einen messianischen Witz zu backen.

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