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Samstag, der 09.01.2010, 15:24 |
The Sixth Sense: Überblick über die Filmkritik
Die kritische Aufnahme von THE SIXTH SENSE im Jahr 1999 kann man als sehr achtbar bezeichnen. Von 23 Kritiken* sind 78% positiv, 13% unentschieden und 9% negativ. Die letztere Zahl rührt von zwei Verrissen, einer in der Berliner Zeitung, der andere in der New York Times. Die lesen sich wirklich sehr komisch, wobei ersterer sich anmaßte, wirklich alles verstanden und durchschaut zu haben und zweiterer dem Film süßlichen Kitsch unterstellte. Eine durchaus fragwürdige Beurteilung für einen so depressiven und pessimistischen Film.
Das Wichtigste voran: Regisseur Shyamalan wird [Scha-ma-lahn] ausgesprochen. Besonders die englischen Kritiken wurden nicht müde, dem Leser eine sprachliche Hilfeleistung an die Hand zu geben - das weist wohl daraufhin, dass man meinte, von diesem Regisseur nicht das letzte Mal gehört zu haben. Die Quelle dieser Information wird uns von Gilbert Adair eröffnet: Im Presse-Heft zum Film stand's.
Der Regisseur dieses aus dem Nichts kommenden, aber zum US-Kassenschlager avancierten Films war weitestgehend unbekannt. Mithin war THE SIXTH SENSE im Jahre 1999 noch kein Shyamalan-Film (heute ist er es schon), sondern ein Bruce-Willis-Film. Besonders in der deutschen Presse war Bruce Willis' Abkehr vom Action-Genre, welche er mit diesem Film weiter vorantrieb, vielbeachtet. Hier und da wurde sogar der Tod des Action-Genres verkündet, eine - aus heutigem Gesichtspunkt - etwas vorschnelle und lächerliche kulturelle Annahme. Bruce Willis jedenfalls war ein Star der 1990er und sein Auftreten und besonders seine "schauspielerische Leistung" in diesem ruhigen und kontemplativen Horror-Thriller waren der Filmkritik stets mehrere Zeilen wert. Vom subtilen gedämpften Spiel bis zum Vorwurf des Ein-Gesicht-Willis findet man alle Positionen vertreten. Regine Welsch klärt souverän (aber mit fragwürdiger Satzform): "Wer die grossen Schauspieler sucht auf der Leinwand, der hat das Prinzip Kino nicht verstanden. Wir werden also die Frage nicht klären, ob Bruce Willis ein begnadeter Mime ist."
Wenn man von Herrn Göckenjans Spott in der Berliner Zeitung absieht, der keinen "Verantwortlichen für den Erzähl-Ryhthmus", "träge dahinstolpernde Bilder" und eine "plätschernde Geschichte" sah, war man sich unter den Filmkritikern doch größtenteils einig in der Bewertung der Ruhe, Getragenheit und Langsamkeit des Films: Mit einfachsten Mitteln wird Atmosphäre geschaffen. Die Erwähnung von BLAIR WITCH PROJECT war somit fast schon obligatorisch - zwar weniger erfolgreich, aber ähnlich gelagert sowohl vom Thematischen (Grusel-Film) als auch von der Kosten-Einspiel-Relation (in beiden Fällen phänomenal). Nach den klotzenden Großproduktionen der 1990er sah man wieder ein neues, bescheidenes, jedoch trotzdem mitreißendes Kino am Millenniumshorizont (am falschen natürlich, die Jahrtausendwende kam dann ja erst ein Jahr später). Gerald Koll in Der Welt vermutete den Film gar in einer Reihe sogenannter Paranoia-Filme, die die Angst vor der symbolisch aufgeladenen Jahrtausendwende verkörperten.
Einige wenige Kritiker waren mit den verschämt durchs Bild huschenden Geistern nicht besonders zufrieden. Nur die Musik markiere, dass man sich nun zu Gruseln habe (Göckenjan), oder das Gespenst wird gleich einer kulturtheoretischen Analyse unterworfen. So Katja Nicodemus in der taz, die in den melancholischen Erscheinungen aus dem Jenseits eher Oscar Wildes Canterville Ghost repäsentiert sah. Ihrer Meinung nach sei dies der Ultramoderne nicht angemessen. Vielleicht wäre Sam Raimis TANZ DER TEUFEL Trilogie dann eher nach ihrem "geistreichen" Geschmack...
Nirgendwo unerwähnt bleibt der Plot-Twist am Ende des Films. Er ist das Motiv, welches sich durch alle Kritiken zieht. Verraten wird natürlich nichts, außer, dass etwas passieren wird, etwas Überraschendes, welches die Handlung umwertet. Göckenjan fällt einmal mehr aus der Reihe: Er beurteilte den "finalen Knalleffekt" als gänzlich perfides Ablenkungsmanöver und Marketing-Strategie, welcher die "Langeweile vorher" vergessen machen und für "Mund-zu-Mund-Propaganda" sorgen soll. Er attestierte dem Film, dass er nur von der Neugierde um dieses Geheimnis zehre und dem Zuschauer sonst nichts zu bieten habe. Was für eine Anmaßung! Sight & Sound scheint mir näher am Film, als sie jenem eine Faszination zusprach, die eben gerade nicht (bloß) vom Ende herrühre, sondern von seiner Rätselhaftigkeit, "from explaining next to nothing". Alle Kritiker jedenfalls sahen sich in der Pflicht, eine Inhaltsangabe aus der beschränkten Perspektive der Bruce-Willis-Figur zu schreiben, die noch nicht um ihren speziellen Status in der diegetischen Welt weiß - denn die Eröffnung seines speziellen Status des Seins ist ja eben der Plot-Twist, der eine Umperspektivierung des Zuschauers bedeutet. Diese Umperspektivierung wurde wohl von allen Kritikern als ein solches Erlebnis angesehen, dass es keinesfalls vorweggenommen werden durfte - es muss selbst erfahren werden. Hier und da wurde sogar der Effekt dieser Umperspektivierung lobend erwähnt: Der Zuschauer wolle den Film sofort ein zweites Mal sehen - herausbekommen, wie dieser einen hinters Licht geführt und somit eine beschränkte Erzählperspektive als einzig korrekte dargestellt hat. (Wieviele Filme können das schon von sich behaupten?) Auch wenn Gerald Koll und wenige andere meinen, am Ende "mag man dem Film seinen Schabernack übelnehmen", so gibt es auch die klügere Gegenmeinung: Fiktionale Erzählungen sind nun einmal sozial sanktionierte Formen der Lüge! Filme wie THE SIXTH SENSE oder auch FIGHT CLUB weisen selbstbezüglich auf diese kulturelle Übereinkunft hin, denn sie spiegeln in sich noch einmal das Verhältnis von Fiktion und Realität und ihre Brüchigkeit - z.b. in Form von einer subjektiven Perspektive und fiktiver Realität.
Aber über diese eigentümliche Faszination mit dem Spiel der Perspektiven hinaus vermag der Film gewiss auch bei der dritten usw. Sichtung zu fesseln, darauf hätte sich das Gros der Kritiker gewiss einigen können. Daran anschließend ist es interessant zu erwähnen, dass jede Kritik eine andere Genre-Bezeichnung für den Film bereithielt: Horror, aber dann doch eher ein sanfter Grusel-Film ohne billige Schock-Effekte. Ein Thriller oder ein psychologisches Drama? "Heroic-therapist movie" (nach der Washington Post ein vergessenes Genre der 1960er) und ein Subgenre des buddy movie, der den einsamen Mann und den traurigen Jungen vereint (Sterneborg, epd Film)! Shyamalans Kino wehrt sich gegen Kategorisierungen - deswegen war es in Zukunft auch immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Denn in ein Genre will ihn jeder stecken, obwohl alle seine weiteren Filme diese Erwartungshaltung fast schon süffisant unterlaufen: Den Plot-Twist-Film...
* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Berliner Zeitung, NZZ, Focus, artechock, Scope, Sight & Sound, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker
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(in: filmBlog, flimmerWelt, studierStube)
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