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Montag, der 08.02.2010, 20:01 |
Aktionskunst, Reaktionskunst oder gar keine Kunst?
Meine im Januar stattgefundene Shyamalan-Retrospektive (hier noch einmal nachzuverfolgen) hatte zwei Lücken: Einmal THE VILLAGE. Das hatte den Grund, dass ich in der Vergangengenheit schon zu viele Worte (oder eben: keine Worte) zum Film verloren hatte. Ein ander Mal THE HAPPENING. Das wiederum hatte den Grund, dass ich vom wissenschaftlichen Projekt postapocalypse.de eingeladen wurde, mich in einem Filmgespräch mit Christian Hoffstadt, Judith Schossböck & Jochen Werner zum Film zu äußern. Dieses Gespräch ist nun online. Und es ist sehr schön geworden, wie ich finde. Auch wenn ich in ihm zuerst zu einem Medienwissenschaftler und nun - nach von mir angeregter Korrektur - zu einem Filmwissenschaftler wurde... am liebsten wäre mir natürlich, wenn da "Typie" oder so stände. 
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Samstag, der 23.01.2010, 00:46 |
Battlestar Galactica - Staffel 3 Ronald D. Moore, USA 2006-2007 DVD, OmU
Für die 20 Folgen dieser dritten Staffel habe ich drei Abende gebraucht - was zugegebenermaßen äußerst extrem ist. Aber diese Serie vermag mich zu packen wie es nur eine andere geschafft hat: ungewöhnlicherweise auch eine Sci-Fi-Serie, BABYLON 5. Es mag zwar richtig sein, dass es einige Füllerepisoden gab, aber das störte mich bei dem Sog, in die mich die Serie stürzte, herzlich wenig.
Nun sage ich bestimmt nichts unglaublich Innovatives und Schlaues, wenn ich behaupte, dass BATTLESTAR GALACTICA (=BSG) vom Ausnahmezustand handelt. Ein Begriff, der in letzter Zeit seine ganz eigene Prägung in der poltischen und Rechtsphilosphie durch Giorgio Agamben erfuhr. Als Möglichkeit der Ausweitung der Regierungsmacht während eines Belagerungszustandes, welche während der französischen Revolutionszeit entstand, sei der Ausnahmezustand - besonders durch die zwei Weltkriege vermittelt - in den westlichen Demokratien zur herrschenden Regierungstechnik geworden. Eine Folge davon sei die Aushöhlung der demokratischen Legislative und der Bürger- und Menschenrechte. Von der extremen Einschätzung der aktuellen politischen Lage mag man halten, was man will - aber Gesetze wie der USA PATRIOT Act sind beispiellose Kontradiktionen von allem, was ich als demokratische Grundsätze verstehe. Der amerikanische War on Terror ist zweifellos eine der Hauptquellen für die Serie. Ihre Grundsituation allerdings verschärft das islamistische Bedrohungspotential um ein Vielfaches: Die Serie beginnt mit einem Genozid an der Menschenheit durch die Cylons - vom Menschen selbst geschaffene Maschinen. Ihre Emanzipation ist eine paradoxe: Sie sind mittlerweile soweit in die Genetik vorgedrungen, dass ihre "besten Maschinen" menschliche Klone sind. Sie sind dem Menschen also unglaublich ähnlich - mit dem einzigen Unterschied, dass ihre Erfahrungen nach dem Tod in einen neuen Klon geladen werden. Sie haben sogar die Religiösität von den Menschen übernommen: Nur dass die Cylons an den einen Gott glauben und die Menschenheit einem von der griechischen Mythologie inspirierten Polytheismus frönen. (Wer hier nicht die Parabel auf den Gegensatz Christentum/Islam sieht, ist selber Schuld...)
Nun, die Menschheit ist jedenfalls ausgelöscht - die 40.000 Überlebenden befinden auf der Flucht durch die Galaxie. Eine verwundbare Raumflotte geschützt durch das Kriegsschiff Galactica. Dass es sich um eine tatsächliche Ausnahmesituation handelt - was man beim War on Terror gerne anzweifeln mag - ist wohl klar. Irgendwie versucht man demokratisch organisierte Strukturen zu erhalten - es gibt Wahlen, es gibt Präsidentin Roslin (eine bezaubernde Mary McDonnell) usf. Aber ohne das Militär in Form von Commander Adama (ein wunderbar knarzender Edward James Olmos) und dessen Schutz geht gar nichts. Somit wird die Flotte, die einem wandernden Quasi-Staat gleicht, von einer Doppelspitze geführt. Agamben würde sagen, dass eine "geschützte Demokratie" keine mehr ist. BSG hingegen ist dabei, ich will nicht sagen konservativer, aber weitaus ambivalenter, wenn sie uns den Grenzgang des Ausnahmezustandes vorführt. BSG macht jedoch keine Gefangenen (selbstverständlich auch im wörtlichen Sinne), das muss man anmerken: Selbstmordattentäter, geheime Hinrichtungstribunale jenseits der Justiz, Sklavenarbeit. Die Serie porträtiert schonungslos, wie massiv die geschützte und sich bedroht fühlende Demokratie abrutschen kann. Und auch wenn der Zweck die Mittel heiligen mag, hinterlassen die Mittel Narben in den Köpfen und auf den Körpern der Figuren...
Und: Lucy XENA Lawless spielt auch mit - als Cylon! Obwohl mir das Gesicht die ganze Staffel über unglaublich bekannt vorkam, erkannte ich sie nicht mit der blonden Mähne. Das und der politische Kontext entschädigt zehntausendmal für die verquaste Spiritualität der Serie, in der jede Folge ein erneuter Gottes/Götter-Beweis erbracht wird. Aber das hat Showrunner Ronald D. Moore schon bei DEEP SPACE NINE, einer TREK-Serie, die er entscheidend mitprägte, reichlich versemmelt.
Link(s) IMDb-Link Mini-Serie (Pilot) auf Amazon.de Staffel 1 auf Amazon.de
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Samstag, der 16.01.2010, 15:03 |
Signs: Überblick über die Filmkritik
M. Night Shyamalans SIGNS wurde von der Filmkritik als Niedergang eines Wunderkindes inszeniert, in das jeder Hoffnungen gesetzt hatte. Von 31 Kritiken* sind 39% positiv, 42% unentschieden und 19% negativ. Statt die Kritiker-Zunft jedoch in Lager zu spalten, hat der Film den Kritiker selbst in ein Dilemma versetzt. Das sieht man an der hohen Anzahl der Unentschiedenen. Diese Dilemma drückt sich meistens folgendermaßen aus: Inszenierung hui, christlich-faschistoide Zwangsbotschaften pfui! Aber dazu später mehr...
Nun, es war die Zeit des Fazit-Ziehens. Kam SIGNS, kam der Rückblick auf Shyamalans zwei vorherige Filme und deren endgültige Bewertung. Da das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek im Zuge des Kinostarts von SIGNS den Regisseur als "next Spielberg" betitelte, musste das natürlich irgendwie mitverarbeitet werden. Seine "Besinnung auf filmische Tugenden" jenseits reißerischer Effekte (Everschor, film-dienst), die "unaufhörliche Unterwanderung der Hollywood-Maxime des faster, bigger, more" (Happe, Schnitt) und der "soveräne Umgang mit Bild, Farbe und Ton" (Platthaus, FAZ) wurde ihm positiv beschieden, obwohl gleichzeitig gemutmaßt wurde, dass "Shyamalan Variationen desselben Films dreht" (Peters, taz) und sich mittlerweile eine gewisse Formelhaftigkeit herausbildet (Newman, Sight & Sound). Jedenfalls wurden die Stifte für die Doppelstriche gezückt. Nachdem schon UNBREAKABLE einen eher gemischten Eindruck hinterlassen hatte, erwartete man nun Anschluss an THE SIXTH SENSE.
Die Dreharbeiten zu SIGNS begannen am 13. September 2001, zwei Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Allzu viele Kritiken gingen nicht darauf ein und ob sich nun in der "klaustropischen Grundstimmung" des Films "die Ängste einer traumatisierten Nation" spiegeln (Schröder, Tagesspiegel), will ich dahingestellt lassen. Aber einige Aspekte, wie das Nachvollziehen der Invasion über den heimischen Fernseher, schlagen doch bemerkenswerte Brücken zur Realität.
Die humorvoll-skurillen Töne, die SIGNS durchdringen, waren vielen Kritikern aufgefallen. Jürg Zbinden in der NZZ hat diese Form von Humor beispielsweise sehr irritiert. Und auch anderswo durchfuhren die Renzensenten Momente der Unentschiedenheit: "almost too bizarre to be funny" steht im New Yorker und Newman macht die Lacher von der Stimmung abhängig: "Signs gets as many laughs as gasps, and it's a moot point as to how many are intentional." Besonders gefallen hat mir aber, dass Andreas Platthaus die von Joaquin Phoenix "leicht debil" gespielte Figur des Merrill Hess als "drittes Kind" im Ensemble verstand. Das deckt sich sehr mit meiner Perspektive auf Shyamalans spätere Filme, in denen das Kind immer mehr im Erwachsenen zu finden ist.
Hier und dort wurde sich darüber echauffiert, dass das Finale einen unverstellten Blick auf ein Alien bereithält. Dass dieses nun viele für gummös und grün hielten, scheint aber eher darauf hinzuweisen, dass der Blick so unverstellt nicht gewesen sein kann, denn diese Beobachtungen stimmen einfach nicht mit den Bildern überein. Interessanter ist da eher schon Anthony Lanes Bemerkung, dass die Mise-en-scène etwas von einer grotesken Parodie einer Pietà hat.
Damit kommen wir zum Anfang zurück - den Missionierungsversuchen des Shyamalan. Daniel Haas brachte die herrschende Meinung, deren Argumentation unter ideologiekritischen Gesichtspunkten durchaus seine Stärke hat, sehr gut zum Ausdruck: "Gegen den Glauben an höhere Mächte ist dabei grundsätzlich nichts einzuwenden[...] Doch 'Signs' koppelt die religiöse Spekulation an eine heikle Frage: Kann man ein guter Vater sein und zugleich Atheist oder Agnostiker? Der Film sagt nein und verschärft damit das Konzept einer paternalistischen Gesellschaft, in der es zwischen richtig und falsch keine Nuancen geben kann." Man könnte natürlich die angebliche Offenbarung am Ende des Films als letzen Kalauer betrachten: Wenn Graham Hess (Mel Gibson) seinen Glauben wiederentdeckt, weil er die grausame Zweiteilung seiner Frau durch ein Auto, das schwere, asthmatische Leiden seines Sohnes, die nahezu geisteskranke Eigenart seiner Tochter und die zerstörte Baseball-Karriere seines Bruder als von Gott eingeleitete Ereignisse interpretiert, die das Überleben der Alien-Invasion ermöglichten, dann ist das doch fast schon wieder eine zynische Dekonstruktion von Glauben... Hanns-Georg Rodek machte dazu in der Welt noch eine sehr scharfsinnige Beobachtung: "Gibson und Familie überstehen die Belagerung des Bösen nicht dank ihres Glaubens, sondern trotz ihres Unglaubens."
* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, FAZ Online, FAS, SZ, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel, Der Standard, NZZ, Focus, Scope, kamera.co.uk, Sight & Sound, Daily Telegraph Online, 2x The Guardian, The Observer, 2x The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker
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Dienstag, der 12.01.2010, 00:28 |
The New World Terrence Malick, USA 2005 DVD, OmU
Was heißt es wohl, an einem Set von einem Malick-Film zu sein?, frage ich mich nach der einmaligen Erfahrung seines letzten Filmes THE NEW WORLD. All seine Filme sind sonderbare Reisen.
(Regieanweisung) "Ja, Colin, jetzt gehe einfach da lang und schau in den Himmel."
"Wo lang genau?"
"Oder besser: Du schaust dir einfach diesen wunderschönen Baum an und sagst nichts."
"Also jetzt zum Baum?"
"Nein, warte! Lauf einfach durch diese hohen Gräser und starre mit großen Augen durch das Dickicht."
"Und dann?"
"Nichts..."
Gar nichts. Außer einer Figur, die mitten in der Natur steht. Terrence Malicks Filme sind erst einmal genau das: Filme über Personen, die in der Natur stehen, durch die Natur gehen, mit der Natur arbeiten - die ihre Umgebung erfahren. Und der Zuschauer ist immer dabei, die Kamera kommt den Gesichtern und Körpern nahe, zu nahe, berührt sie fast, dann bewegt sie sich wieder von ihnen fort, nimmt Landschaften ins Blickfeld, wie sie schöner nicht sein könnten. Der Schnitt ist elliptisch und radikal, reißt uns hin und zurück in der Zeit, überspringt Sekunden, Minuten, Tage, Monate, Jahre mit Leichtigkeit. Alles ist im Fluß - und wir werden mitgerissen. Erfahrungsschnipsel leuchten vor unseren Augen kurz auf, flackern, vergehen. Diese Technik bar jeder erzählerischen Konvention intensiviert das Gefühl, etwas zu beobachten, was wir sonst selten in einem Film sehen: das Erleben der Welt. Oder eben: der neuen Welt. Jedenfalls in diesem Versuch, die Pocahontas-Geschichte neu zu erzählen. "Versuch", weil ich nicht weiß, inwiefern Malick hier bei den historischen Fakten der "westlich kultivierten" Indianer-Prinzessin bleibt. Sei es drum - so wichtig will es mir nicht erscheinen. Diese Geschichte nutzt Malick einmal mehr dazu, darüber zu meditieren, wie der Mensch und seine Umgebung aufeinander wirken, zur einen Seite Gedanken formend, zur anderen Natur verändernd. Ich muss hier auch abbrechen, so gewaltig will mir Malick erscheinen. Ach ja, eines will ich noch sagen: THE NEW WORLD ist ein Liebesfilm. Der wundervollste, den ich in den letzten Jahren gesehen habe.
(Ach ja, dieses eine noch: So geht das, Herr Cameron!)
Link(s) IMDb-Link DVD auf Amazon.de
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Montag, der 11.01.2010, 01:12 |
Lady in the Water M. Night Shyamalan, USA 2006 DVD, OmU
"What kind of person would be so arrogant as to presume the intention of another human being?"
"Story wants to go home and she can't."
Zwei Schlüsselsätze aus LADY IN THE WATER, die ganz gut an das Verständnis dieses Filmes heranführen. Der erste ist natürlich eine leidenschaftliche Absage an den Intentionalismus, derer sich der Regisseur Shyamalan durch die Filmkritik ausgesetzt sah. Ich selbst sehe mich ja als Antiintentionalist und halte diesen Film für eine Verteidigung dieser Denkrichtung. LADY IN THE WATER ist ein Märchenfilm, der seine eigene Beziehung zum Märchen auslotet. Er trägt seinen Subtext offen vor sich her - was ihn sehr angreifbar und gleichzeitig unendlich vieldeutig macht. Deuten oder angreifen, das ist hier die Frage! Denn ob die Story nach Hause kommt - die Geschichte erhört wird - hängt letztendlich nicht von ihr ab, sondern vom Zuhörer respektive Zuschauer.
Es war einmal in einer idealisierten Alltäglichkeit in einer Apartment-Anlage in Phiadelphia. Der Hausmeister Cleveland Heep (Paul Giamatti) kümmert sich liebevoll um die verschrobene Multi-Kulti-Mieterschaft und ihre Probleme. Hier herrscht bedrückende Normalität. Diese sieht sich bald einer anderen Welt ausgesetzt und zwar der des Märchens, der Sage, der Gute-Nacht-Geschichte. Diese fantastische Welt ("The Blue World") bricht über den Swimming-Pool, in dem eine Nymphe lebt, in die Realität ein. Sie ist eine Narf und ihr Name ist Story (Bryce Dallas Howard). Story muss gerettet werden vor bösen Mächten, die mit ihr in die Tristesse des Wohn-Komplexes eingedrungen sind. Wie rettet man Story? Also anders gefragt - der Film trägt bekanntlich seinen Subtext offen vor sich her: Wie rettet man eine Geschichte? Ganz klar, in dem man sie kennt, erzählt und tradiert. Cleveland kennt die Geschichte der Narfs ganz offensichtlich nicht. Sie ähnelt allerdings einem koreanischen Märchen, soviel kann Studentin Young-Soon Choi (Cindy Cheung - was für eine großartige Verkörperung des weiblichen Uni-Slackers!) Cleveland sagen. Sie hat die Geschichte, die ihr als Kind erzählt wurde, leider vergessen - wie das Erwachsene im Zeitalter des Nicht-Mündlich-Tradierens eben zu tun pflegen. Ihre Mutter hingegen kennt das Märchen - da sie aber nur koreanisch sprechen kann und sowieso auf Kriegsfuß mit ihrer Tochter steht, da ihr Slackertum eben nicht gerade den Weg sozialen Aufstiegs verheißt, erfährt Cleveland die Details der Geschichte nur schrittweise während des Filmverlaufs. Diese Zerstückelung des Märchens ist gleichzeitig eine Analyse (griech. analysein: auflösen). Dadurch, dass uns die Geschichte nicht richtig erzählt wird, wirkt sie unglaublich lächerlich und zerfällt in ihre Bestandteile: so werden die Funktionen und Regeln der Geschichte offengelegt. Shyamalan macht eigentlich nichts anderes als die Morphologie des Märchens aufzuzeigen, wie es z.B. der russische Märchenforscher Vladimir Propp getan hat.
So erfahren wir von den Scrunts - bösen Biestern, die die Narfs angreifen und vom Kontakt mit den Menschen abhalten wollen. Eigentlich werden sie von den Tartutics - drei affenähnlichen Wesen, die gewaltsam die Ordnung und das Recht in der Blue World aufrechterhalten - in Schach gehalten. Allein, da Story keine normale Narf, sondern die Madam Narf - die zukünftige Königin ihres Volkes - ist, sind die Scrunts besonders hartnäckig. Story braucht also Hilfe, um in ihre Welt zurückzukehren, wie der Held in einem Märchen immer Helfer benötigt: Diese werden uns in Form von Aktanten vorgestellt. Das sind Handlungsrollen, die unabhängig von einer speziellen Figur eine Funktion im Märchen erfüllen: The Symbolist, the Guardian, the Guild, the Healer. Nun ist es an Cleveland, diese Handlungsrollen mit Mietern aus den Apartments zu füllen. Und es ist an den Mietern, ihre Rolle zu spielen. Was sie dazu benötigen, sollte man im Kontext meiner bisherigen Texte leicht erraten können: ihre Kindlichkeit und Unschuld. Denn das erlaubt es ihnen, an Märchen zu glauben und offen für das Fantastische zu sein. Eine konzisere und kompaktere Darstellung der Funktionsweise von Märchen und ihrer engen Verschlungenheit mit dem kindlichen Gemüt hat man in einem Film wohl selten gesehen. Und dazu noch urkomisch und hochgradig skurril!
Insofern sollte man auch mal mit den ewigen Vorwürfen der Religiösität und Spiritualität Shyamalans Schluss machen: Das Märchen ist nicht etwa eine höhere Macht, die von außen an die Bewohner der Apartment-Anlage herantritt. Das Märchen wirkt von Innen, es entsteht ausschließlich aus dem Menschen selbst. Er erweckt es zum Leben. Märchen ist für Shyamalans deckungsgleich mit: Gott, Liebe, Kindlichkeit, Unschuld.
Zu Shyamalans durchaus problematischen "Cameo-Auftritt": Man muss nun wissen, dass die Narfs aus einem ganz bestimmten Grund die Nähe zur Realität suchen. Ihre Aufgabe ist es, einen bestimmten Menschen (Vessel) zu inspirieren (das Gefäß zu füllen), so dass er Gutes tut. In diesem Fall ist das ein Autor, gespielt vom Regisseur höchstpersönlich, mit Schreibblockade. Nach einem Treffen mit Story ist diese wie weggeblasen und sein ominöses Werk, nur "The Cookbook" genannt, sei dazu vorherbestimmt, einen Jungen derart zu beflügeln, dass er "Leader of this Country" wird. So die Prophezeiung Storys. (Im englischen Wikipedia-Artikel steht, damit wäre der US-Präsident gemeint - anhand der im und durch den Film offengelegten Märchen-Funktionsweise, besonders ihrer Vagheit und Austauschbarkeit, halte ich das für einen intentionalistischen Gewaltakt.) Es kommt noch härter: Dazu muss der Autor sterben, denn erst dadurch wird das Cookbook zum Märtyrer-Klassiker, welches Wirkung entfalten kann. Shyamalan trägt gewiss dick auf, aber wenn man den Film, wie ich, als Appell für die Tradierung von Geschichten - und der damit verbundenen Erzählkunst - versteht, so ist seine Rolle nichts anderes, als eine Fußnote dafür, was Story vermag... Überhaupt: die ironische Brechung mit dem Titel "Cookbook" ist eigentlich Material genug, aus diesem Handlungsstrang einen messianischen Witz zu backen.
Link(s) IMDb-Link DVD auf Amazon.de
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Sonntag, der 10.01.2010, 17:18 |
Unbreakable: Überblick über die Filmkritik
Bereits mit UNBREAKABLE, Shyamalans Film nach dem Überraschungshit THE SIXTH SENSE, begann sich die Filmkritik zu spalten. Von 24 Kritiken* sind 58% positiv, 17% unentschieden und 25% negativ. Der Regisseur war in der Gunst der Rezensionskaste gesunken. Traurigerweise hatten die wenigsten Kritiker genug Selbstreflexionskraft, die schwierige, ja fast unmögliche Lage des Regisseur nach seinem sowohl kritischen als auch finanziellen Erfolg zu erörtern. Wie Manfred Müller so schön schrieb: "Diesem Vergleich muss sich Shyamalan stellen allein auf Grund der zeitlichen und auch stilistischen Nähe beider Arbeiten, auch wenn das die eigentlichen Qualitäten seines Films verdeckt." Vor Enttäuschtsein im Angesicht des Vorgängerfilms vergaßen einige Kritiker wohl, sich UNBREAKABLE etwas genauer anzuschauen. Der Vergleich mit THE SIXTH SENSE ist allgegenwärtig und das durchgängige Motiv der Kritiken.
Was verbindet nun eigentlich beide Filme? (Einmal abgesehen vom Hauptdarsteller Bruce Willis.) Beide kreisten "um die Wahrnehmung und um die unterschiedlichen Arten, sie zu erfahren" (Sterneborg, SZ), beide spielten im "Reich des Übersinnlichen" (Müller, Spon) und hätten "die spielerische Verwirrung der Realitäts- und Genreebenen" (Kohler, FR) gemein, beide seien "supernatural thriller with a twist" (Bradshaw, The Guardian), und mit einer "deadpan melancholy" getränkt (Michtell, NYT) - und hier wie da gehe es um die Selbsterlösung einer Figur, worauf besonders die deutsche Presse, allen voran film-dienst, ein Augen geworfen hat. Für manch einen legten diese Ähnlichkeiten die Vermutung eines "Copycat-Films" (Turan, Los Angeles Times) nahe, für andere war die Fähigkeit, das Übernatürliche im und aus dem Alltäglichen entstehen zu lassen (Schickel, TIME), nun schon zu einem Stil & Markenzeichen Shyamalans geronnen.
Was jedenfalls stark auffällt, sind zwei ganz neue Aspekte, auf die die Filmkritik sehr aufmerksam ihr Auge gelegt hat: Die Formalästhetik und Philadelphia als Setting. Die Kritiker überschlugen sich mit teils sehr präzisen Beschreibungen der außergewöhnlichen, für Hollywood untypischen visuellen Mittel: Seien es die auffälligen Point-of-View-Shots, die langen Plansequenzen, die Auflösung des Schuss-Gegenschusses oder die komischen Kamerawinkel und mittleren bis weiten Einstellungsgrößen bei Dialogsequenzen. John Atkinson behauptete, diese Bild-Ästhetik wäre "for no good reason" und nannte als Beispiel eine Szene, die fast komplett als Reflektion in einem Fernseher gezeigt wird. Michael Kohler in der Frankfurter Rundschau hätte ihn eines besseren belehren können: Sehr genau beschrieb er die Spiegelsequenzen im Film und deutete sie souverän als Sinnbilder der - ja, eben! - Glasknochen-Krankheit der Figur des Elijah Price (Samuel L. Jackson). Denn gerade in den Flashbacks, die uns in seine Vergangenheit führen, sind die Spiegel-Einstellungen derart dominant. Anhand solcher Befunde will es mir einigermaßen schief vorkommen, dass Rüdiger Suchsland (einmal mehr in unverkennbarem Husch-Husch-Stil) Shyamalan das "Prinzip, alles zu sagen, statt zu zeigen" hinterherdichtete und Helmut Merschmann in der epd Film irgendetwas davon schrieb, dass der Fortgang der Geschichte nur im Dialog stattfände. Fehldiagnosen par excellence! Nun zu Shyamalans Heimatstadt, der Stadt, in der er aufgewachsen ist: Philadelphia. Hier war man sich eigentlich einig, dass das Netz zwischen der unheimlichen Atmosphäre seiner beiden Mystery-Filme und der eigenständigen Architektur Phillys ("verwinkelte, rotbraune Backsteinbauten, das bedrohliche Pathos neogotischer Architektur", Pauli, Focus) sehr eng geflochten ist.
Die eigentlichen Spalter-Themen waren (1) die gewöhnungsbedürftige Entscheidung, eine Superhelden-Origin in einer so lähmenden, ernsten und pessimistischen Art zu erzählen und (2) der Plot-Twist.
(1) Wie uns der unter dem Kürzel apl (aller Wahrscheinlichkeit nach Andreas Platthaus) firmierende Autor in der DVD-Rezension zu UNBREAKABLE in der FAZ mitteilt, handelt es sich bei dem grundlegenden Plot um eine Origin Story, eher den Amerikanern und weniger den Deutschen aus Superhelden-Comics bekannt. Einige Filmkritiker fanden solch eine Geschichte einfach zu kitschig und abgedroschen, so dass ihnen die Ernsthaftigkeit der Präsentation und der Filmfiguren nur noch lächerlicher erschien: "Willis is almost morbidly withdrawn as the security guard, though his underplaying isn't enough to divert us from the corniness of his secret potential." (Anthony Quinn, The Independent) Das kann man auch anders sehen, beweist Thomas Wirtz' schöne Kritik in der FAZ. Schon fast müßig erklärt er die "maßlose Zeitvernichtung" in der ersten Hälfte des Films als perfektes Darstellungsmittel des "langsam dahin Vegetierenden", der "wandernden Schlafpille", des "depressiven Kleinbürgers". Die Entdeckung der Superhelden-Kräfte sei der schwere Weg der Selbstfindung, den David Dunn (Bruce Willis) zu gehen habe.
(2) Der Plot-Twist von UNBREAKABLE ist ebenfalls sehr schwer außerhalb des Subtextes der Comic-Mythologie zu verstehen, insofern er wohl auch eher Subtext-Twist genannt werden sollte. Auf einer reinen Handlungsebene wirkt er gewiss eher effekthascherisch. Denn durch ihn werden die Figuren des Elijah Price und David Dunn endgültig zum typischen Comic-Sujet transformiert: Zum Superhelden und seiner Nemesis, seinem Erzfeind, dem Superschurken. Die Kritiker-Reaktionen fielen dementsprechend sehr gemischt aus: enttäuscht, gleichgültig, erbost, überrascht, erfreut. Dass man den Twist auch überhaupt nicht erwähnen muss und genug zum Film sagen kann, weil er auch schon so faszinierend genug ist, bewies Anke Westphal in der Berliner Zeitung.
Noch eher am Horizont leuchtete der Mythos von Shyamalans Exentrik - und die verhängnisvolle Verwechslung eines Films mit seinem Regisseur, die damit einhergehen wird. Urs Jenny war im Spiegel derart in seinem Intentionalismus verfangen, dass er den Film vor lauter Shyamalans nicht mehr sehen konnte.
Ich will mit dem Kritiker David Denby vom New Yorker schließen, der anscheinend eine neue Art Kino-Physiognomik begründen wollte: Oder wie anders kann man sich erklären, dass Bruce Willis' Kopf in UNBREAKABLE wie ein "enormous, melancholy egg" aussähe oder er Haley Joel Osments "extraordinary face" in THE SIXTH SENSE mit einer beängstigenden Akribie beschrieb: "pale, with a pointed chin, a tiny mouth, with a curling upper lip, and eyes that go red at the rims with fear." Na, so lange Shyamalans Filme zu solchen Beobachtungen einladen...
* film-dienst, epd Film, Schnitt, 2x FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, taz, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Focus, artechock, kamera.co.uk, Sight & Sound, The Guardian, The Observer, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker
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Sonntag, der 10.01.2010, 01:32 |
The Village (4) M. Night Shyamalan, USA 2004 DVD, OmU
THE VILLAGE wird man wohl gut und gerne als Shyamalans geschicktestes Perspektiven-Experiment beschreiben dürfen. Zuerst muss ich ganz ehrlich zugeben, dass dieser Film einer meiner Lieblingsfilme ist und würde ich jemals eine Liste meiner All Time Favorites erstellen (was ich niemals tun würde), wäre dieser immer mit dabei.
Wovon THE VILLAGE handelt, ist wohl weitestgehend bekannt: Von einer Dorfgemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts, abgeschnitten von der großstädtischen Zivilisation durch einen Wald, in dem Monster hausen - von der Gemeinde Those we don't speak of genannt. Am Ende werden einem gleich zwei Enthüllungen geboten: Die Monster sind nur Schwindel, erdacht und sogar verkörpert von den Dorfältesten. Genauso wie die Zeit und zeitgemäße Lebensweise in diesem Dorf nur Täuschung ist: Die Dorfältesten sind moderne Großstädter, deren Vergangenheit von gewalttätigen Schicksalsschlägen geprägt war. Aus diesem Grund haben sie diese autarke und von Zeit und Raum abgeschnittete Gemeinde gegründet - um ihren Kindern die Unschuld zu bewahren.
Shyamalans Abwehr-Reaktion auf die platte Kategorisierung seiner Werke als Plot-Twist-Filme ist dieses Mal eine Kaskade von Plot-Twists - denn zwischen den zwei bereits erwähnten macht die Handlung einen weiteren Haken, indem sie kurz die Möglichkeit andeutet, Those we don't speak of gäbe es wirklich. Dass es Zuschauer gab, die sich das alles vorher denken konnten, kann ich mir nicht vorstellen - aber falls doch, gratuliere ich ihnen zu diesem Wissen! Es ist jedenfalls ganz unerheblich für Shyamalans pfiffige Erzählstrukur: Er führt die Zuschauer mit den Augen der Kinder in die Dorfgemeinschaft ein. Das erste Mal hören wir von Those we don't speak of, als Edward Walker (William Hurt) der Schulklasse die Geschichte und Art dieser Wesen (wahrscheinlich ein weiteres und nicht das letzte Mal) erklärt bzw. eintrichtert. Wir sind die Schulklasse! Auch die Hauptfiguren, die blinde Ivy Walker (Bryce Dallas Howard), die gerne "Jungssachen" macht, und der verschämte junge Schmied Lucius Hunt (Joaquin Phoenix), sind "Kinder". Ihre Liebe zueinander und ihre Verlobung zeigen sie zwar in einem Übergangsstadium, welches jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Sie müssen reifen und wir mit ihnen - dazu gehören auch die Plot-Twists, die - sowohl für Ivy als auch den Zuschauer - ein höheres Verständnis der Welt verheißen. Jedoch muss bei diesem Prozess eines erhalten werden - eines der zentralsten Konzepte Shyamalans, Katalysator in all seinen Filmen und untrennbar mit seinem Glauben an das Kind verbunden: Unschuld (ein Wort, das oft in diesem Film fällt).
Geradezu subversiv ist Shyamalans Einfall, die monomythische Heldenreise, in dessen Verlauf es zu einer geistigen Reifung kommt, von einer blinden Frau bestehen zu lassen. Die Enthüllungen, die sich im Film selbstverständlich auf der visuellen Ebene abspielen, den Zuschauer mit und durch die Augen einer Blinden als Identifikationsfigur erleben zu lassen, darauf muss man erst einmal kommen! Passend dazu beweist Shyamalan einmal mehr seine Meisterschaft des Point of View: Wie setzt man den subjektiven Blick einer blinden Person um? Ganz einfach, man stellt die Kamera hinter diese Person, so dass der Zuschauer zwar mit ihrer Blickrichtung schaut, aber durch den Hinterkopf sein Sichtfeld versperrt wird.
Shyamalans Steuerung des Zuschauer-Blickes erlebt mit diesem Film ihren Höhepunkt und ihre dichteste Form. Wie er uns zuerst auf den kindlichen Blick festlegt, um uns dann im Laufe des Films die Welt zu entdecken - parallel zum Reifungsprozess der Heldin. Die "Plot-Twists" sind hier aufs engste mit der Handlung verflochten und somit gar keine Twists mehr, sondern fügen sich absolut organisch ins Ganze ein...
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(in: filmBlog)
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Samstag, der 09.01.2010, 15:24 |
The Sixth Sense: Überblick über die Filmkritik
Die kritische Aufnahme von THE SIXTH SENSE im Jahr 1999 kann man als sehr achtbar bezeichnen. Von 23 Kritiken* sind 78% positiv, 13% unentschieden und 9% negativ. Die letztere Zahl rührt von zwei Verrissen, einer in der Berliner Zeitung, der andere in der New York Times. Die lesen sich wirklich sehr komisch, wobei ersterer sich anmaßte, wirklich alles verstanden und durchschaut zu haben und zweiterer dem Film süßlichen Kitsch unterstellte. Eine durchaus fragwürdige Beurteilung für einen so depressiven und pessimistischen Film.
Das Wichtigste voran: Regisseur Shyamalan wird [Scha-ma-lahn] ausgesprochen. Besonders die englischen Kritiken wurden nicht müde, dem Leser eine sprachliche Hilfeleistung an die Hand zu geben - das weist wohl daraufhin, dass man meinte, von diesem Regisseur nicht das letzte Mal gehört zu haben. Die Quelle dieser Information wird uns von Gilbert Adair eröffnet: Im Presse-Heft zum Film stand's.
Der Regisseur dieses aus dem Nichts kommenden, aber zum US-Kassenschlager avancierten Films war weitestgehend unbekannt. Mithin war THE SIXTH SENSE im Jahre 1999 noch kein Shyamalan-Film (heute ist er es schon), sondern ein Bruce-Willis-Film. Besonders in der deutschen Presse war Bruce Willis' Abkehr vom Action-Genre, welche er mit diesem Film weiter vorantrieb, vielbeachtet. Hier und da wurde sogar der Tod des Action-Genres verkündet, eine - aus heutigem Gesichtspunkt - etwas vorschnelle und lächerliche kulturelle Annahme. Bruce Willis jedenfalls war ein Star der 1990er und sein Auftreten und besonders seine "schauspielerische Leistung" in diesem ruhigen und kontemplativen Horror-Thriller waren der Filmkritik stets mehrere Zeilen wert. Vom subtilen gedämpften Spiel bis zum Vorwurf des Ein-Gesicht-Willis findet man alle Positionen vertreten. Regine Welsch klärt souverän (aber mit fragwürdiger Satzform): "Wer die grossen Schauspieler sucht auf der Leinwand, der hat das Prinzip Kino nicht verstanden. Wir werden also die Frage nicht klären, ob Bruce Willis ein begnadeter Mime ist."
Wenn man von Herrn Göckenjans Spott in der Berliner Zeitung absieht, der keinen "Verantwortlichen für den Erzähl-Ryhthmus", "träge dahinstolpernde Bilder" und eine "plätschernde Geschichte" sah, war man sich unter den Filmkritikern doch größtenteils einig in der Bewertung der Ruhe, Getragenheit und Langsamkeit des Films: Mit einfachsten Mitteln wird Atmosphäre geschaffen. Die Erwähnung von BLAIR WITCH PROJECT war somit fast schon obligatorisch - zwar weniger erfolgreich, aber ähnlich gelagert sowohl vom Thematischen (Grusel-Film) als auch von der Kosten-Einspiel-Relation (in beiden Fällen phänomenal). Nach den klotzenden Großproduktionen der 1990er sah man wieder ein neues, bescheidenes, jedoch trotzdem mitreißendes Kino am Millenniumshorizont (am falschen natürlich, die Jahrtausendwende kam dann ja erst ein Jahr später). Gerald Koll in Der Welt vermutete den Film gar in einer Reihe sogenannter Paranoia-Filme, die die Angst vor der symbolisch aufgeladenen Jahrtausendwende verkörperten.
Einige wenige Kritiker waren mit den verschämt durchs Bild huschenden Geistern nicht besonders zufrieden. Nur die Musik markiere, dass man sich nun zu Gruseln habe (Göckenjan), oder das Gespenst wird gleich einer kulturtheoretischen Analyse unterworfen. So Katja Nicodemus in der taz, die in den melancholischen Erscheinungen aus dem Jenseits eher Oscar Wildes Canterville Ghost repäsentiert sah. Ihrer Meinung nach sei dies der Ultramoderne nicht angemessen. Vielleicht wäre Sam Raimis TANZ DER TEUFEL Trilogie dann eher nach ihrem "geistreichen" Geschmack...
Nirgendwo unerwähnt bleibt der Plot-Twist am Ende des Films. Er ist das Motiv, welches sich durch alle Kritiken zieht. Verraten wird natürlich nichts, außer, dass etwas passieren wird, etwas Überraschendes, welches die Handlung umwertet. Göckenjan fällt einmal mehr aus der Reihe: Er beurteilte den "finalen Knalleffekt" als gänzlich perfides Ablenkungsmanöver und Marketing-Strategie, welcher die "Langeweile vorher" vergessen machen und für "Mund-zu-Mund-Propaganda" sorgen soll. Er attestierte dem Film, dass er nur von der Neugierde um dieses Geheimnis zehre und dem Zuschauer sonst nichts zu bieten habe. Was für eine Anmaßung! Sight & Sound scheint mir näher am Film, als sie jenem eine Faszination zusprach, die eben gerade nicht (bloß) vom Ende herrühre, sondern von seiner Rätselhaftigkeit, "from explaining next to nothing". Alle Kritiker jedenfalls sahen sich in der Pflicht, eine Inhaltsangabe aus der beschränkten Perspektive der Bruce-Willis-Figur zu schreiben, die noch nicht um ihren speziellen Status in der diegetischen Welt weiß - denn die Eröffnung seines speziellen Status des Seins ist ja eben der Plot-Twist, der eine Umperspektivierung des Zuschauers bedeutet. Diese Umperspektivierung wurde wohl von allen Kritikern als ein solches Erlebnis angesehen, dass es keinesfalls vorweggenommen werden durfte - es muss selbst erfahren werden. Hier und da wurde sogar der Effekt dieser Umperspektivierung lobend erwähnt: Der Zuschauer wolle den Film sofort ein zweites Mal sehen - herausbekommen, wie dieser einen hinters Licht geführt und somit eine beschränkte Erzählperspektive als einzig korrekte dargestellt hat. (Wieviele Filme können das schon von sich behaupten?) Auch wenn Gerald Koll und wenige andere meinen, am Ende "mag man dem Film seinen Schabernack übelnehmen", so gibt es auch die klügere Gegenmeinung: Fiktionale Erzählungen sind nun einmal sozial sanktionierte Formen der Lüge! Filme wie THE SIXTH SENSE oder auch FIGHT CLUB weisen selbstbezüglich auf diese kulturelle Übereinkunft hin, denn sie spiegeln in sich noch einmal das Verhältnis von Fiktion und Realität und ihre Brüchigkeit - z.b. in Form von einer subjektiven Perspektive und fiktiver Realität.
Aber über diese eigentümliche Faszination mit dem Spiel der Perspektiven hinaus vermag der Film gewiss auch bei der dritten usw. Sichtung zu fesseln, darauf hätte sich das Gros der Kritiker gewiss einigen können. Daran anschließend ist es interessant zu erwähnen, dass jede Kritik eine andere Genre-Bezeichnung für den Film bereithielt: Horror, aber dann doch eher ein sanfter Grusel-Film ohne billige Schock-Effekte. Ein Thriller oder ein psychologisches Drama? "Heroic-therapist movie" (nach der Washington Post ein vergessenes Genre der 1960er) und ein Subgenre des buddy movie, der den einsamen Mann und den traurigen Jungen vereint (Sterneborg, epd Film)! Shyamalans Kino wehrt sich gegen Kategorisierungen - deswegen war es in Zukunft auch immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Denn in ein Genre will ihn jeder stecken, obwohl alle seine weiteren Filme diese Erwartungshaltung fast schon süffisant unterlaufen: Den Plot-Twist-Film...
* film-dienst, epd Film, Schnitt, FAZ, SZ, SZ-Extra, Der Spiegel, Spiegel Online, Die Welt, taz, Berliner Zeitung, NZZ, Focus, artechock, Scope, Sight & Sound, The Independent, TIME, New York Times, Los Angeles Times, 2x Washington Post, The New Yorker
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